Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


infobase:diabetes:sensorblutmessung

Warum weichen Gewebezucker (Sensor) und Kapillarblutzucker (Fingerpieks) voneinander ab?

Ein häufiges Phänomen bei der Nutzung von Systemen zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM / FGM) ist die Abweichung der Messwerte im Vergleich zur klassischen blutigen Messung an der Fingerspitze. Diese Differenz ist in der Regel kein Fehlverhalten des Geräts, sondern eine physiologische und messtechnische Gesetzmäßigkeit.

1. Die physiologische Ursache: Zwei verschiedene Messorte

Der grundlegende Unterschied liegt in der Flüssigkeit, in welcher die Glukosekonzentration gemessen wird:

  • Kapillarblutzucker (Fingerpieks): Misst die Glukose direkt im Kapillarblut der Fingerspitze.
  • CGM / FGM (Sensor): Misst die Glukose in der interstitiellen Flüssigkeit (Gewebeflüssigkeit im Zellzwischenraum des Unterhautfettgewebes).

Glukose gelangt zuerst über die Nahrungsaufnahme ins Blut. Erst von dort aus diffundiert sie durch die Kapillarwände in das umliegende Gewebe.

2. Die zeitliche Verzögerung (Physiologische Latenz)

Aufgrund des Transports der Glukose vom Blut ins Gewebe entsteht eine systembedingte Zeitverzögerung (Lag-Time) von durchschnittlich 5 bis 15 Minuten.

Blutzuckerdynamik Kapillarblut (Finger) Gewebezucker (Sensor) Ergebnis im Vergleich
Starker Anstieg (z. B. nach Mahlzeit) Misst den hohen Wert zuerst Hinkt der Entwicklung hinterher Sensorwert ist niedriger als Blutwert
Starker Abfall (z. B. nach Sport/Insulin) Fällt als Erstes ab Bleibt länger auf höherem Niveau Sensorwert ist höher als Blutwert
Stabiler Blutzucker (z. B. Nüchternphase) Konstant Konstant Beide Werte liegen sehr nah beieinander
Metapher: Das Blut ist wie die Lokomotive eines Zuges, das Gewebe wie der letzte Waggon. Bei Fahrtänderungen bewegt sich die Lokomotive zuerst, der Waggon folgt mit kurzer Verzögerung.

3. Weitere Einflussfaktoren auf Sensorabweichungen

3.1. Einheilphase (Erste 24 Stunden)

Beim Setzen des Sensors entsteht eine Mikroverletzung im Gewebe. Das Immunsystem reagiert mit einer lokalen Entzündungsreaktion und Gewebsflüssigkeitsansammlung. Dies kann in den ersten 24 Stunden zu ungenaueren Messwerten führen.

3.2. Gewebekompression ("Compression Lows")

Liegt man – insbesondere nachts im Schlaf – direkt auf dem Sensor, wird das Gewebe lokal komprimiert. Dadurch wird der Flüssigkeitsaustausch im Interstitium behindert, was vom Sensor fälschlicherweise als steiler Abfall oder Gewebeunterzuckerung (Compression Low) interpretiert werden kann.

3.3. Physiologische Streuung und Toleranzen

Jedes Messsystem weist eine zugelassene Messtoleranz auf (häufig angegeben als MARD-Wert, Mean Absolute Relative Difference). Auch zwei aufeinanderfolgende blutige Messungen an verschiedenen Fingern ergeben selten exakt denselben Wert.

4. Handlungsempfehlungen für die Praxis

Obwohl Sensoren hervorragende Informationen über Trendverläufe und Dynamiken liefern, sollte in folgenden Situationen blutig nachgemessen werden:

  • Symptom-Diskrepanz: Die wahrgenommenen Hypo- oder Hyperglykämie-Symptome passen nicht zum angezeigten Sensorwert („Symptome schlagen Sensor“).
  • Steile Trendpfeile: Vor der Abgabe einer größeren Dosis Korrekturinsulin bei stark fallenden oder steigenden Werten.
  • Unklare Werte in den ersten 24 Stunden: Bei Verdacht auf Ungenauigkeiten während der Einlaufphase.

Siehe auch

infobase/diabetes/sensorblutmessung.txt · Zuletzt geändert: von openlib

Donate Powered by PHP Valid HTML5 Valid CSS Driven by DokuWiki